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Autor Thema: Tanz im August kocht auch nur mit Wasser  (Gelesen 4712 mal)
Johanna Roggan
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« am: August 24, 2011, 10:33:30 »

Berliner Festival „Tanz im August“
Schüttel kritisch deinen Speck
Welche Auffassung von zeitgenössischem Tanz vertreten die Festivaldirektoren eigentlich? Wollen sie überhaupt mehr zeigen als einfach nur „Etwas im August“? Beim Berliner Festival „Tanz im August“ herrscht die Diktatur des Kuratoriats.

Was man sich unter einer „dekonstruktiven somatischen Praxis“ vorstellen darf, das beschäftigt zurzeit einen Lehrgang bei der 23. Ausgabe des Festivals „Tanz im August“ in Berlin. 1989 gab dieses Fest mit Workshops und aufsehenerregenden Vorstellungen der Berliner freien Szene, die lebendig war, aber nicht tanzen konnte, einen notwendigen Professionalisierungsschub.

Ein Dutzend Jahre lang führt es den Tanz der großen weiten Welt, die interessantesten Choreographen, die besten internationalen Tänzer und ihre klügsten Lehrer in die Stadt. Nun wird es seit einer Dekade programmatisch heruntergewirtschaftet. In der aktuellen Ausgabe arbeitet man „durch den gleichzeitigen Einsatz von Anweisungen und Hingabe gezielt am Paradox des Scheiterns“, wie es in der weiteren Beschreibung des Workshops mit dem in Berlin lebenden amerikanischen Szene-Beglücker Jeremy Wade heißt.

Nun könnte man sagen: Was soll's? Dann macht Berlin eben wieder Selbstbefreiungswochenenden wie in den siebziger Jahren. Von Workshops muss die Öffentlichkeit keine Kenntnis nehmen. Auf der Bühne aber geht es genauso sektenhaft zu. Der nämliche Herr Wade bittet da im kleinsten Spielort von Matthias Lilienthals „Hebbel am Ufer“ sein Publikum in einen Mitmachkreis.
Beruhigendes Zusummen

Der schmächtige, bärtige Mann mit der zerstrubbelten Frisur steckt in einem ausgewaschenen T-Shirt und schlabbrigen Hosen. Barfuß sitzt er mit den Zuschauern am Boden und berichtet von einer durch den Tod seines Vaters und einen strengen Berliner Winter ausgelösten Depression.
Zum Thema
Selbstrollend: Konzeptballett beim Berliner „Tanz im August“
Mehr zu „Dance” und Lucinda Childs
Tanzblog der F.A.Z.

Dann sollen sich alle erheben und zulassen, dass er umhergeht und ihnen ihre Ängste „abnimmt“. Mit schlürfenden Geräuschen und einsaugenden Gesichtsbewegungen, einwärts wedelnden Händen und dem Blick eines Besessenen geht Wade umher und tut so, als könnte er mit dem Atem des Publikums dessen wie immer geartete Gefühle in sich hinein- und hinunterwürgen. Anschließend pustet er in Plastiktüten und knotet diese zu. Doch es kommt noch verschmockter. Man soll erst seinem Nachbarn, dann der Theaterwand und selbstverständlich durch diese hindurch der ganzen Welt ein beruhigendes „Mmmmmmhhh“ zusummen.
Festivalblase bleibt am Leben

Das Ganze ist Teil eines „Arbeits- und Forschungsprozesses“ für eine Produktion mit dem Titel „Identity and Transgression“. Transgression durch Regression, das ist mal etwas Neues. Die Festivalkuratoren hingegen verstehen das als „Vorschlag einer prozessorientierten Arbeitsweise, die in den standardisierten Produktionsformaten des Tanzmarktes in der Regel nicht vorgesehen ist“.

Das ist eine glatte Lüge. In Berlin wenigstens findet fast nicht anderes mehr statt als der prozessorientierte Kinderkram von selbstberufenen standardlosen Subventionsempfängern. Nennen wir sie „Auftreter“, denn es sind keine Tänzer, es sind bloß Leute, die es schick finden, auf einer Bühne herumzuhängen. Der angebliche Tanzmarkt existiert außerhalb der Subventionswelt ohnehin nicht. Aber in Berlin ist das Publikum, das selber irgendwelche theaterwissenschaftlichen Seminare absolviert hat und glaubt, Langeweile, schlichteste Konzeptchen und intellektuelle Unterforderung seien konstitutiv für zeitgenössischen Tanz, offenbar zahlreich genug, um die Festivalblase am Leben zu halten.
Fröhliche Sexyness

Nur weil dieselben Kreise, in denen regelmäßig sogenannte „turns“ ausgerufen werden müssen, derzeit verbreiten, die kontrollierte, gelernte, einstudierte, sogar die virtuose Bewegung seien nicht mehr tabu, sondern wieder (!) legitim, und das Studium wie die Rekonstruktion und Wiederaufnahme von Werken der jüngeren Tanzgeschichte sei wünschenswert, nur deshalb eröffnete Lucinda Childs' wundervolles, 1979 entstandenes minimalistisches Meisterwerk „Dance“ das Festival (Mehr zu „Dance” und Lucinda Childs). Nur darum treten auch noch Eduard Locks Spitzentanz-Schönheiten von „Lalala Human Steps“ mit ihrer allerdings öden Nummernrevue „New Work“ (F.A.Z. vom 28. Januar) auf. Und sogar die Expertin in kaputten Beziehungen und gezitterten Zerstörungsphantasien, bad old Meg Stuart, stellt jetzt angeblich „die Bewegung als primären Motor in den Mittelpunkt“. Hast du Worte?

Abgesehen von Childs' Choreographie zu Musik von Philip Glass - die seit der Premiere der Wiederaufnahme 2009 ununterbrochen um die Welt tourt -, abgesehen von der unleugbaren Schlüsselwerkfunktion von „Dance“ muss man fragen, welche Auffassung von zeitgenössischem Tanz die Festivaldirektoren überhaupt vertreten. Außer dem lapidaren „Tanzen ist wieder erlaubt“ ist gar keine Begriffsbildung zu entdecken, obwohl dieser Anspruch ständig erhoben wird, indem man von „Positionen“ spricht, die gezeigt würden. Es herrscht vollkommene ästhetische Instinktlosigkeit. In „La Rue Princesse“ etwa, einem in Abidjan geschaffenen Tanzstück voller wilder mitreißender Moves aus dem städtischen Nachtleben der Elfenbeinküste, präsentieren die beiden in Frankreich geförderten Choreographen von „N'Soleh“ die wackelnden Popos ihrer weiblichen Protagonisten, als wäre allein der Kunstkontext von so viel fröhlicher Sexyness in Strings eine Gewähr dafür, dass diese Anmache als Kritik der Anmache verstanden wird.
Desinteresse an der Tanzkunst

Das ist natürlich naiv - oder ein superraffinierter Dreh postkolonialen Geldverdienens mit Schuldgefühlen. Der Japaner Hiroaki Umeda wiederum stürzte sein Publikum erst mit HipHop-Tänzern, dann mit zierpflanzenähnlichen Ballerinen in tiefste Sinnkrisen. Warum soll man eine Stunde im Dunkeln sitzen und zu kreischenden Geräuschen Leuten zusehen, die einfachste Zeitlupenbewegungen spannungslos exerzieren?

Lucinda Childs hatte Glass bei der Zusammenarbeit mit Robert Wilson an „Einstein on the Beach“ kennengelernt. Die fabelhaft trainierte, charismatische Tänzerin, war durch ihre musiklosen, von Alltagsbewegungen angeregten Auftritte als Mitglied der New Yorker „Judson Church“ bereits ein Begriff in der Theaterwelt, als sie beschloss, mit einem musikalischen Paukenschlag zur Choreographie zurückzukehren. In der aktuellen Version von „Dance“ begeistern nicht nur die ausgeklügelte Bewegungsdramaturgie des Stücks und die so simple wie geniale Plazierung der Phrasen im Raum, sondern auch Sol LeWitts grandiose Tanzfilmaufnahmen, die sich als Projektionen mit dem Bühnengeschehen mischen. Man sieht die Tänzer von vor dreißig Jahren zusammen mit den heutigen.

Das Festival „Tanz im August“ hält den Vergleich mit solchem wirklichen Können nicht aus. Es gehört umbenannt in „Etwas im August“. Denn das Traurigste an den Auftretern und Workshop-Schluffis, die hier alljährlich eingeladen werden, ist ihr vollkommenes Desinteresse an der Tanzkunst, die in den anderen Metropolen Furore macht. Durch Künstler wie Sidi Larbi Cherkaoui, Martin Schläpfer, Hans van Manen, Mats Ek, Sylvie Guillem, Nicolas LeRiche, Hofesh Shechter, Olivier Dubois und viele andere, deren Namen die Kuratoren des Festivals nicht buchstabieren können. „Tanz im August“ ist eine Kuratokratie. Schafft sie ab. Man könnte auch sagen, Berlin hat Kuratokritis. Heilt sie.


Mehr zu „Dance” und Lucinda Childs im Tanzblog der F.A.Z.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jean-Yves Genoud, Margarida Dias, Sally Cohn

Link zum Artikel online: http://www.faz.net/artikel/C30794/berliner-festival-tanz-im-august-schuettel-kritisch-deinen-speck-30489010.html
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Mit freundlichen Kriesen,
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Johanna Roggan
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« Antworten #1 am: August 28, 2011, 18:39:29 »

und noch eine Kritk zu "Tanz im August"


Schmerz lass nach!

Die Szene kurariert sich selbst, schwer von sich begeistert:  Das Berliner Festival „Tanz im August“ glänzt durch Belanglosigkeit

Die blonde Tänzerin liegt mit dem Rücken zum Publikum auf einem Lammfell, das garantiert unbehandelt und ungefärbt ist – ein Babytraum. Auch der Tanz hat das Ökosiegel verdient. Christine Borch hat zuletzt ein Solo für eine schwangere Tänzerin kreiert – deren gerundete, schwere Bewegungen ahmt sie nun selbst nach. Die Dänin hat sich ein ockerfarbenes Tuch um die Hüften geschlungen, sie hechelt und seufzt, geht in die Hocke, die Erregung kommt in Wellen, und immer lauscht sie auf ihre Körpermitte. Wie eine Mischung aus Fruchtbarkeitsritual und Geburtsvorbereitungskurs sieht diese Performance aus, die sich „Body in Progress“ nennt. Und eins muss man Borch lassen: Sie schafft es, schwanger auszusehen, ohne schwanger zu sein.


 „In Progress“ nennt sich eine neue Reihe beim Berliner „Tanz im August“, das am Sonntag zu Ende geht. Die Festival-Kuratoren haben dem Wunsch von Choreografen entsprochen, Arbeiten zu präsentieren, die noch im Entstehen sind. 30 Minuten dauern die Shows, die suggerieren: Jeder kreative Prozess führt unweigerlich zu progress, jedes Werden mündet in ein Gelingen. Der Andrang im Podewil ist jedenfalls riesig; das Palais in der Klosterstraße ist Szenetreff und Kontaktbörse. Was die jungen Leute anlockt, ist nicht allein der Wunsch, Körpererfahrungen und Empfindungen zu teilen. Hier geht es ums Sehen und Gesehenwerden.

 Insofern ist es nur konsequent, dass die Sommerbar zu einem „Selfpresentation-Marathon“ einlud, bei dem jeder mitmachen konnte. „WOW – wir arbeiten hier“ nennt sich das Team, das mit seinen partizipativen Ideen den Marktmechanismen trotzen will und schwer von sich selbst begeistert die Losung ausgibt: „Join in Utopia“.

 Hier findet jeder Selbstdarsteller seine Bühne und jedes Nischenprogramm ein Publikum, die Szene kuratiert sich selbst. Diese Belanglosigkeiten prägen das Bild des diesjährigen „Tanz im August“-Festivals ebenso wie die Aufführungen der internationalen Ensembles. Das wäre nicht weiter schlimm – warum den Selbstberufenen nicht ihren Freiraum lassen? –, wenn Arbeiten gezeigt würden, die ästhetische Maßstäbe setzen, an denen sich, um eine Lieblingsvokabel der Kuratoren zu benutzen, eine künstlerische Position ablesen ließe. Doch die Darbietungen hinterlassen einen oft ratlosen, vielfach tief deprimierten Betrachter.

 Die Choreografin Meg Stuart wollte mit „Violet“ wohl an ihre radikalen Anfänge anknüpfen. In dem Tanzstück erzeugt Brendan Dougherty einem Foltermeister gleich an Computer und Schlagzeug einen dröhnenden Industriesound, der immer heftiger auf die Körper der fünf Tänzer einwirkt. Ein junger Mann spreizt seinen Arm ab, der wie abgestorben wirkt. Eine Japanerin flattert mit der Hand, als ob sie einen neurologischen Tick hätte. Dieses „Alien Hand Syndrom“ ist eine der Störungen, die die Tänzer von „Damaged Goods“ ausstellen. Zum Fuchteln und Stochern der Arme kommt das von Stuart schon bis zum Überdruss durchdeklinierte Vokabular aus Zucken und Zittern. „Violet“ ist eine Feier des Kaputten – und in seiner Kombination aus Lärm und Nicht-Tanz auch schmerzhaft für den Betrachter.

 Wie aufwühlend ist dagegen der Streit der Körper in „Sueur des Ombres“ von Andréya Ouamba. Die sechs Tänzer aus dem Senegal, dem Kongo, Burkina Faso und Benin führen ständige Territorialkämpfe, sie legen Wut und Schmerz in ihre Bewegungen. Da verblassen die seelischen Phantomschmerzen der „Damaged Goods“ schnell.

 Tanz aus Afrika war diesmal ein Schwerpunkt, eine klare Setzung. Die Arbeiten haben den „Tanz im August“ bereichert, sie haben das Fenster zur Welt aufgestoßen bei einem ansonsten ereignisarmen Festival. Was hingegen „In vivo“ von Mickaël Le Mer hier zu suchen hat, mag der Himmel wissen: ein Resozialisierungsprogramm aus La-Roche-sur-Yon, das nur einen faden HipHop-Aufguss bietet – und beileibe nicht die einzige überflüssige Aufführung war in diesen Tagen.

 Gleich vier Kuratoren hat „Tanz im August“ – damit ist Berlin spitze. Das Festival wird deshalb von einer Quadriga geleitet, weil die Tanzwerkstatt und das Hebbel am Ufer es gemeinsam ausrichten. Wo vier Leute mitreden, kommt es unvermeidlich zu Nivellierungen. Doch die Unzufriedenheit wächst. Im Rückblick muss man feststellen, dass in den letzten Jahren Entwicklungen verpasst und wegweisende Arbeiten dem Publikum vorenthalten wurden. Warum waren die britischen Stars Wayne McGregor und Hofesh Shechter nie in Berlin. Das größte deutsche Tanzfestival hat an Glanz eingebüßt.

 Es ist an der Zeit, über ein anderes Modell nachzudenken. „Tanz im August“ braucht neue Impulse – und vielleicht bietet sich 2012, wenn Annemie Vanackere die künstlerische Leitung des HAU übernimmt, die Chance zu einer Neuausrichtung. Wer vom „Tanz im August“ enttäuscht ist, kann sich freilich trösten: Die Spielzeit Europa und das HAU warten im Herbst mit etlichen Höhepunkten auf, unter anderem mit Shechter. Bis dahin fasst sich die Berliner Tanzgemeinde an der Hand und beglückt sich selbst.



Hier geht's zum Artikel online: http://www.tagesspiegel.de/kultur/schmerz-lass-nach/4545034.html
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